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E-Babylon oder die Sprachverwirrung in der Logistik

Autor: Prof. Dr. Michael ten Hompel
Erschienen in: Materialmanagement 2001

Sicher kennen Sie die Situation. Sie befinden sich in einem vermeintlich erlauchten Kreis hochkarätiger Experten und wohlmeinender Kollegen und plötzlich fragt einer: „Sagen Sie mal, was halten Sie denn von der 4PL-Euphorie.“ Schon merken Sie, wie sich Ihre Nackenhaare hochstellen. Habe ich schon wieder eine Euphorie verschlafen und kann mir wieder tagelang anhören, welche Aktien ich vor einem Monat hätte kaufen sollen? Was war noch mal ein 4PL? Gibt es den überhaupt? Jetzt nur keine unnötige Zeit verlieren. Und schon ist es raus: „Der Eine sagt so, der Andere sagt so. Aber sind wir nicht schon auf dem Weg zum 5PL?“ Zack, der saß. Betretenes Schweigen. Jetzt noch schnell einen draufsetzen und der Käse ist geschnitten. „Das Internet macht halt die Welt zum Dorf.“ Die pauschale Anschuldigung, das Internet werfe uns alle wieder in die dörfliche Gemeinschaft des Mittelalters zurück ‑ halt nur etwas größer das Dorf ‑ findet sofort allgemeine Zustimmung. Schon ist er geboren der 5PL, von dem noch keiner weiß, was der eigentlich machen soll. Denn eigentlich gibt es wirklich noch keinen 4PL – keinen sogenannten Fourth Party Logistiker im Sinne eines international arbeitenden und alle Dienstleistungen im Zusammenhang mit E-Commerce und E-Business anbietenden Logistik-Dienstleisters.

So oder so ähnlich scheint es häufiger zuzugehen und binnen Stunden hat sich ein neuer Begriff in der Internet-Gemeinde etabliert. Auch der 5PL ist in der Tat schon geboren und der 6PL – wahrscheinlich für intergalaktische Weltraumlogistik – wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Inflation der Anglizismen und Abkürzungen ist einfach nicht mehr zu bremsen. Letztens meinte schon einer der Kollegen: „Ich traue mich gar nicht mehr in Urlaub zu fahren. Wenn ich wiederkomme, verstehe ich bestimmt gar nichts mehr.“

Es sind nicht nur Worte, die wie Glühbirnen ausgewechselt werden. In den letzten Jahren hat sich eine Fachsprache entwickelt, der zu folgen, nur noch wenige wirklich in der Lage sind. Es entwickelt sich Herrschaftswissen ohne, dass Begrifflichkeiten präzisiert, geschweige denn, definiert werden. Dies gilt für die Logistik – Verzeihung, für die E-Logistics – in ganz besonderem Maße.

Die Logistik hat noch nicht ihre eigene Theorie gefunden, in vielen Fällen noch nicht einmal ihr Wissen nach wissenschaftlichen Grundsätzen katalogisiert, da überholt uns schon die nächste (Software-) Generation. Das halten Sie für übertrieben? Machen Sie folgenden Test: Fragen Sie beim nächsten Treffen mit den Kollegen mal nach dem Unterschied zwischen Lagerplatz und Lagerort. Eine noch grundlegendere Frage wird man wohl kaum stellen können. Wundern Sie sich nicht, wenn einer antwortet, das eine ist die Location und wenn man viele Location merget heißt das Ort.

Dererlei Antworten sind schon fast die Regel.

Noch interessanter wird es, wenn Sie auf die Kreativabteilung stoßen. Da heißt es dann zum Beispiel: „Bei uns steht C-Commerce für Creative-Commerce, obwohl wir natürlich wissen, dass C-Commerce auch CRM-Commerce bedeutet, aber das kümmert uns und unsere Klienten derweilen nicht.“[1] Schon steht man wieder im Abseits – ein Ort, der als Kunde bei gutem CRM (Customer Relationship Management) eigentlich nicht eintreten sollte. Wieder fragt man sich: Stand das „C“ nicht für „Collaborative“ und bezeichnete das umfassende datentechnische Management von Prozessen in und zwischen Organisationen sowie Kunden, Handelspartnern und Mitarbeitern? Gibt es das überhaupt schon? Offen gesprochen, auch da kommen Bedenken auf, während schon an der nächsten Worthülse gefeilt wird. [2]

Eine weitere Steigerung babylonischer Sprachverwirrung erfährt der Logistiker, wenn er eine gemeinsame Sitzung zwischen gestandenen Lagerleitern und der Avantgarde seiner Software-Ingenieure arrangiert. Nichts gegen diese Berufsgruppen. Einer habe ich selber für viele Jahre angehört. Lässt man beide jedoch ungebremst aufeinander los, so gibt es zwei Alternativen: Entweder sie reden nach diesem Treffen nicht mehr miteinander, weil sie sich nicht verstehen und den Versuch aufgegeben haben, einander zu erklären, warum die halbhohen Paletten immer rechts eingelagert werden, bzw. warum man die Eigenschaft Halbhoch nicht dem Lagerplatz sondern nur dem Objekt Palette zuordnen kann. Oder – noch viel schlimmer – beide Gruppen meinen, sie haben sich verstanden. In diesem Fall ist höchste Alarmbereitschaft des Führungspersonals angesagt. Sollten Sie Zweifel hegen, es könnte doch gelungen sein, den Babelfisch der weltenumspannenden Verständigung zwischen diesen Gruppen habe sich eingefunden, stellen Sie die Frage: Was ist ein Lagerort und was ist ein Lagerplatz? Erhalten Sie von beiden Gruppen die gleiche Antwort, preisen Sie Gott oder wen immer Sie dafür zuständig halten. Andernfalls jedoch bleibt nichts anderes übrig, als zunächst alle verwendeten Begriffe präzise zu definieren und niederzuschreiben, so dass jedermann sie heimlich nachlesen kann und so erfährt, was er nie zu fragen gewagt hätte. Anschließend bleibt traditionell nur der häufig steinige Weg über das gute alte Pflichtenheft, in dem gemäß VDI der Auftragnehmer – in diesem Fall also der Software-Ingenieur - alle bestellten und erforderlichen Funktionen so beschreibt, dass der Auftraggeber erkennt, dass die folgende Realisierung dem Sinn des Auftrages entspricht.

Während beide Seiten das Pflichtenheft diskutieren, werden zumeist zwei Problemfelder deutlich, welche die innewohnende Sprachverwirrung und die Diskrepanz zwischen den Vorstellungswelten abermals zu Tage treten lässt. Das eine ist der Wunsch nach dem flexiblen Standard. Eine oft gepflegte (und verkaufte) Vorstellung, die dem Wunsch beider Parteien entspringt, ein Maximum an wiederverwertbarer, gut dokumentierter und gepflegter Software zu verwenden. Nicht nur, dass der Widerspruch zwischen Flexibilität und Standardisierung hierbei billigend in Kauf genommen wird, nein, man versichert sich zunächst sehr ernsthaft, dass der Lieferant über einen solchen Standard verfügt – plant dann allerdings drauf los, dass es nur so eine Art hat. Am Ende stehen lange Inbetriebnahmezeiten, ein hohes Risiko und der allseits geteilte Wunsch, alle beteiligten Programmierer mögen ein langes, gesundes und urlaubsfreies Leben in der Gemeinschaft von Auftraggeber und Auftragnehmer verbringen.

Der zweite wesentliche und im allgemeinen nicht so offen zu Tage tretende babylonische Faktor ist die mangelnde Kommunikation zwischen Planern und Programmierern. Mit den Welten, in denen diese Berufsgruppen leben, verhält es sich etwa so, wie mit Elektronen, die beide um den Atomkern der bestmöglichen logistischen Lösung herumsausen. Seit Heisenberg wissen wir, dass der Aufenthaltsort beider Gruppen immer unschärfer wird, je genauer man hinschaut, in jedem Fall bewegen sich beide auf unterschiedlichen Bahnen und die Wahrscheinlichkeit sie gedanklich am gleichen Ort zu treffen, ist nahezu gleich Null.

Dieser Zustand währt in Einzelfällen schon so lange, das der Glaube umgeht, die Natur habe es halt so eingerichtet. Er resultiert daraus, dass sich in der Informatik nicht nur die Technologie, sondern das grundlegende Verständnis der Dinge gewandelt hat. Auch die Beschreibung dessen was man sieht oder plant ist nicht mehr so linear, wie wir es früher gewohnt waren. Die objektorientierte Sichtweise hat sich weitgehend durchgesetzt und findet ihren Niederschlag im Design von Funktionen, Modellen und Standards.

Die Welten von Planern und Programmierern zusammenzuführen und gemeinsame, funktionelle Standards zu kreieren, zu beschreiben und anschließend exemplarisch umzusetzen, ist einer der wesentlichen Aufgaben in dem Projekt myWMS[3] des Fraunhofer IML in Dortmund. Diese offene und vom Wissenschaftsministerium des Landes NRW geförderte Plattform wird zur Zeit mit großem Aufwand und vielen industriellen Partnern vorangetrieben. In den nächsten Monaten werden dort mehr und mehr standardisierte und in UML-Notation beschriebene, für Planer und Programmierer in gleicher Weise gut nachvollziehbare Abläufe beschrieben und exemplarisch in funktionierende Software umgesetzt. Letzteres – also der offengelegte lauffähige Quelltext der Programme – soll den Programmieren eindeutige Leitfäden zur Umsetzung vermitteln und so jede sprachliche Verwirrung oder Fehlinterpretation ausschließen. Zu dem: c-ing is believing!



[1] Aus der Homepage der Create Media-Design GmbH

[2] Ein kleiner Beitrag zur Verbesserung der Kommunikation im Bereich Lager und Materialfluss ist ein Glossar, welches zur Zeit vom Fraunhofer IML und der VES GmbH entwickelt wird. Ein erster Auszug findet sich unter www.warehouse-logistics.de.



(C) Michael ten Hompel  |  Dortmund, Germany