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Eine neue Welt
Ein durchaus ernst gemeintes Essay

Autor: Prof. Dr. Michael ten Hompel
Erschienen in: Handelsblatt Sonderbeilage zur CeMAT 2014

Die vierte industrielle Revolution wird alles verändern und wie der VDMA unlängst titelte, kann die deutsche Intralogistik einen großen Anteil an diesem Wandel haben. Folgen Sie dem Lagerarbeiter John in seine Arbeitswelt im Jahr 2020 und lesen Sie, wie seine Welt aussieht, wenn das, was Sie auf der Weltleitmesse CeMAT 2014 sehen, industrieller Alltag geworden ist.

John hat sich längst an die leichte Brille gewöhnt, die ihm jede erdenkliche Information auf seine Netzhaut projiziert. Er schaut herüber zu dem kleinen Schwarm von Cellular Transport Systems, die ihn durch die Lagergassen begleiteten. Stets bereit, ihm einen leeren Karton zu bringen, oder den unablässigen Nachschub der Waren zu organisieren.

John ist ein LCP, ein Logistics Cyber Professional. Als er vor sechs Jahren eingestellt wurde, stand noch Hilfskraft für Lagerarbeit in der Stellenausschreibung. Nicht nur das hat sich seitdem geändert.

John schaut ein leeres Fahrzeug an. Nach wenigen Augenblicken erscheint ein virtuelles Fragezeichen über dem CTS. John winkt das Fahrzeug mit einer lässigen Geste heran, worauf sich gleich ein weiteres mit einem Ausrufezeichen meldet und eine freundliche Frauenstimme fragt, ob er einen leeren Karton wünsche. Er beantwortet die Frage, mit einem kurzen „Ja“ und folgt den riesigen grünen Pfeilen, die aussehen, als wären sie auf das Regal vor ihm aufgemalt.

Die CTS folgen ihm im Gänsemarsch und ohne hinzuschauen, greift John nach einer leeren Kiste, stellt sie auf das tischhohe Fahrzeug vor sich und beginnt mit der Kommissionierung. Lesen und Rechnen ist nicht wirklich seine Stärke. Er denkt daran, als vor sechs Jahren die ersten Brillen mit dem Coaster auf den Markt kamen und wie froh er war, nicht mehr mit langen Listen durch das Lager laufen zu müssen.

Sein Coaster meldet sich: Frühstückspause. Auf dem Grafik-Display des flachen kleinen Geräts erscheint die dampfende Kaffeetasse seines Kollegen Bernie, dessen Bild sogleich vor ihm auftaucht. John entscheidet, den Kommissionierauftrag noch zu beenden und schickt das CTS mit einem leichten Wisch seiner rechten Hand zum Warenausgang. Anschließend nimmt er den Coaster, hält ihn vor sein Gesicht und meldete sich mit einem kurzen „Pause“ ab. Die virtuellen Bilder vor seinem Auge lösen sich auf und er hört nur noch ein schnarrendes „Bye“.

Während John zum Pausenraum geht, der schon seit einem Jahr nicht mehr Pausenraum, sondern Logistik-Lounge heißt, fällt sein Blick auf die neue Generation von CTS, die vor zwei Wochen im Lagerblock drei eingezogen sind. Die Jungs nennen sie „Rack Racer“. Ein wenig sehen sie aus wie Außerirdische und John kann nicht umhin, immer wieder hinzuschauen. Sie sind aus schneeweißem Kunststoff gefertigt und ihre Karosserie sieht aus wie ein Skelett. Die Raupen, auf denen sich sie sich fortbewegen, recken sich wie Fangarme nach oben, wenn sie ins Regal fahren. Vor ein paar Jahren hätte er das noch als Science Fiction belächelt.

Schon die Vorgängerfahrzeuge konnten sich einen Lift rufen und ins Regal fahren. Aber die Rack Racer klettern wie von Geisterhand diagonal die Regalwand hoch. Leise summend schwirrt ein Dutzend von ihnen kreuz und quer durch das Lagerregal und manchmal fährt eines heraus, um seinen Behälter an einer der Arbeitsstationen abzuliefern, die im Halbkreis vor dem Lagerblock aufgebaut sind. Nicht mehr lange, und er würde mit ihnen und den kooperativen Robotern an den Montageplätzen zusammenarbeiten dürfen.

Bernie sitzt noch nicht an seinem Stammplatz, als John die Lounge betritt und von der Kaffeemaschine mit einem lässigen „Hi John“ begrüßt wird. Er nimmt sich den bereitstehenden, dampfenden Becher, auf dem sein Name steht und während er auf Bernie wartet, coastert John noch für ein paar Minuten in einer seiner Lern Apps. Er klickt mit seinem Daumen vor, bis sein Bild erschien und ihn ein Schriftzug fragt, ob er ein wenig mehr zum „Boom Beetle“ lernen möchte. John freut sich, dass er die neue Technik in aller Ruhe anschauen und testen kann und niemand über seine Fragen lacht.

Er lehnte sich zurück und denkt daran, wie sehr sich seine Welt in sechs Jahren verändert hat. Wie schnell hatte er sich daran gewöhnt, mit Maschinen und Regalen zu sprechen.

 



(C) Michael ten Hompel  |  Dortmund, Germany