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Die Macht der Algorithmen

Autor: Prof. Dr. Michael ten Hompel
Erschienen in: Verkehrsrundschau Spezial – Who is Who Logistik 2015, S. 34-37
Bezug zum BVL Positionspapier

Die Logistikbranche muss ihre IT-Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Wer nicht mittelfristig auf die Verbindung von Logistik und IT fokussiert, verspielt seine Zukunft.

„Transport, Umschlag, Lager", als Synonym der Logistik, das war einmal. Das Bild der Logistik hat sich gewandelt. Sei es bei globalen Warenflüssen, der effizienten Nutzung der Infrastruktur oder beim Erhalt der Mobilität – immer spielt die Logistik eine entscheidende Rolle. Betrachtet man die Welt und ihre Herausforderungen vom Standpunkt der Logistik, ist Logistik nicht das Problem. Logistik ist die Lösung.

Damit die Logistik ihr Potenzial entfalten kann, muss sie nicht nur ein neues, selbstbewussteres (Selbst)Verständnis entwickeln, sie muss zugleich stärker Initiative ergreifen. Dies gilt vor allem für die Verbindung von Logistik und Informatik, denn nichts geht mehr ohne Soft- und Hardware. Informatik ist zur wichtigsten wissenschaftlichen Basisdisziplin moderner Logistik geworden und die Verbindung zwischen Informationstechnologie (IT) und Logistik birgt das größte Potenzial für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland.

Logistik ist getrieben durch IT und wird selbst zum Treiber von IT, und sie ist als Branche gefordert, selbst Informationstechnologien zu entwickeln. Betonen muss man in diesem Fall "selbst", denn Logistik ist nicht mehr nur Anwender von Software, sondern gefordert, selbst zu einem guten Teil Softwareproduzent zu werden. Umso wichtiger ist es, die Informatik vom Standpunkt der Logistik aus zu betrachten. Dies ist Gegenstand eines aktuellen Positionspapiers der Bundesvereinigung Logistik, das sich an Entscheider in der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wendet und den Versuch unternimmt, die Chancen und Risiken einer neuen „Informationslogistik“ zu ergründen. 

"Software produzieren wie Autos"

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Innovation die Produktion folgt. Länder mit eigener Technologieentwicklung sind im internationalen Wettbewerb taktgebend und im Vorteil. Sie bilden ein Kompetenzzentrum, woraus sich schneller erfolgreiche Geschäftsmodelle entwickeln. Länder ohne Technologieentwicklung sind dagegen von vornherein fremdbestimmt, mit fortschreitender Komplexität von Produktion und Logistik zunehmend abhängig und im Wettbewerb benachteiligt. Für den Standort Deutschland muss daher die Abhängigkeit von vornehmlich amerikanischen Softwareproduzenten als akute Bedrohung verstanden werden – zumal diese Unternehmen zunehmend in die industrielle Datenverarbeitung, Dienstleitung und Produktion einbrechen.

Wer das Potenzial der Digitalisierung nicht schnell genug versteht und entschieden umsetzt, der wird im Wettbewerb verlieren. Ein Anschauungsbeispiel liefert die Digitalisierung des Handels durch E-Commerce-Anbieter, wie Amazon. Ihr Markterfolg basiert auf einer umfassenden Logistik- und IT-Kompetenz und hat traditionelle Geschäftsmodelle mit einer Geschwindigkeit zerstört, die kaum einer für möglich hielt.

Der Boom des E-Commerce rückt zurzeit die Verbreitung digitaler Bezahl- und Abrechnungsvorgänge in den Fokus. Mit der Digitalisierung von Geschäftsprozessen werden sich absehbar neue Formen ökonomischer Transaktion entwickeln, wie beispielsweise hochdynamische, automatisierte Echtzeit-Auktionen und Online-Werbung („Online Ad Auctions", „Real-Time Bidding"). Der Handel wird in neue Bereiche vorstoßen, die an Hochfrequenz-Aktienhandel erinnern. Dieses algorithmische Abrechnen und Auktionieren wird perspektivisch Bestandteil einer zukünftigen Informationslogistik, die sowohl die in Echtzeit gehandelten Waren und Dienstleistungen als auch deren Preis, deren Zustellung und möglicherweise auch deren Herstellung (Stichwort: 3D-Druck) beinhaltet.

Doch die Passivität europäischer Unternehmen führt dazu, dass solche Lösungen in anderen Ländern, allen voran den USA, erfolgreich wachsen und sich zu De-facto-Standards entwickeln können, die anschließend von europäischen Unternehmen alternativlos aufgenommen werden. Unternehmen, die nicht auch auf die Verbindung Logistik und IT fokussieren, gefährden nicht nur ihre Wettbewerbsfähigkeit sondern zunehmend ihre Existenz.

Technologische Megatrends wie das Internet der Dinge, Cloud Computing, Big Data und Industrie 4.0 sind informationstechnologische Innovationsfelder, auf denen heute die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Produktions-, Logistik- und Handelsunternehmen entschieden wird. Ähnliches gilt für die elektronische Hardware und Halbleiterindustrie.

Die größte strategische Chance besteht aus deutscher Sicht in einer schnellen, innovativen Entwicklung branchenspezifischer Software in der Logistik. Dies muss jetzt passieren, da der Markt innerhalb weniger Jahre besetzt sein wird und nur so lässt sich dauerhaft die Abhängigkeit von importiertem IT-Know-how vermeiden. Die Bedingungen hierfür sind besser als mancher meinen mag. Im Bereich der industriellen Software existieren eine Menge professioneller Produkte und Entwicklungsumgebungen und mit Firmen wie Siemens, Telekom, Bosch und SAP gibt es auch in Deutschland global Player industrieller Software. Die Startposition ist gut, aber es fehlt an konvergenten und branchenspezifischen, „vertikalen“ Lösungen und an horizontaler Vernetzung und Virtualisierung auf die auch der deutsche Mittelstand aufsetzen kann. Auch den gibt es im Logistiksoftware-Bereich. Alleine in der Initiative „Warehouse Logistics“ des Fraunhofer IML haben sich über 100, vornehmlich mittelständische Logistik-Softwareunternehmen zusammengefunden (warehouse-logistics.com).

Megatrends wie Cloud Computing, Big Data und Industrie 4.0 sind nicht nur Worthülsen, sondern sie bieten zahlreiche Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle in der Logistik. Aber eine auf Cloud Computing basierende Software- und Geschäftsmodellentwicklung wird sowohl IT-Anbieter als auch Logistikdienstleister in besonderer Weise herausfordern. Doch die von vielen geteilte Vision einer kommenden vierten industriellen Revolution ist ohne eine neue Generation von wandlungsfähigen, autonomen, dezentralen und logistischen IT-Lösungen undenkbar.

Allerdings heben sich Wertschöpfungspotenziale neuer, IT-basierter Geschäftsmodelle nicht von alleine. Voraussetzung ist, dass Logistikunternehmen und -forschung das Potenzial erkennen und eine taktgebende Führungsrolle bei der Entwicklung adäquater Software übernehmen.

Dazu muss zunächst die Informationslogistik als eigenständiges Forschungs- und Innovationsumfeld begriffen werden mit dem Ziel, Software zu produzieren und Innovationen gezielt zu fördern. Politik und Wirtschaft sind gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen und Maßnahmen zu ergreifen, um softwaretechnologische Innovation zu ermöglichen. Um Logistik und IT als Wissenschaft zu etablieren, müssten allein in Deutschland schätzungsweise 100 neue Logistiklehrstühle (viele davon mit IT-Bezug) geschaffen, bzw. bestehende Lehrstühle neu ausgerichtet werden. Dies mag auf den ersten Blick viel erscheinen, ist jedoch gemessen an den knapp 1.000 universitären Informatiklehrstühlen überschaubar.

"Die Logistik von morgen mit 75 Prozent der Ressourcen von heute."

Die Datenmenge in der Logistik vertausendfacht sich alle zehn Jahre und das Informationszeitalter steht erst am Anfang. Komplexität und Dynamik in der Logistik werden weiterhin überproportional wachsen. Nicht nur die private Nutzung des mobilen Internets steigt rasant - bereits 53 Prozent aller Internetnutzer gehen mobil ins Netz - sondern auch die wirtschaftliche Nutzung mobiler Breitbandtechnologien nimmt zu, und die Logistik liegt in vorderster Linie. Der Transport wird schließlich nicht dadurch effizienter, dass die Maximalgeschwindigkeit von Lkw erhöht wird, sondern dadurch das Fahrzeuge intelligenter disponiert, ausgelastet und gelenkt werden. Hier gilt es auch, das Erfahrungswissen des menschlichen Disponenten in entsprechende Software umzusetzen. Logistische Netzwerke lassen sich weder mit dem Taschenrechner noch mit Intuition planen und managen. Auch in diesem Bereich werden Verfahren und Algorithmen der künstlichen Intelligenz weiter Einzug halten.

Ein nächster Effizienzsprung mit dem Ziel die Logistik von morgen mit 75 Prozent der Ressourcen von heute zu erledigen ist nur auf Grundlage umfassender Vernetzung möglich. Bei Fahrzeugen ist dies in einigen Fällen bereits gelebte Praxis, eine weitergehende Vernetzung aller Akteure (Fahrzeuge, Container, Geräte, Unternehmen und Personen) entlang ganzheitlicher, transmodaler Logistikketten bis hin zu unternehmensübergreifender Zusammenarbeit entlang der Supply Chain erfordert den Ausbau der IT- und Telematik-Infrastruktur.

Neben der Infrastruktur wird, getrieben durch Politik und Verbrauchern, avanciert die (Daten-) Transparenz von der Grundlage zum hohen Gut des Supply Chain Management. Sie ist seit jeher wesentliche Voraussetzung für eine kooperative Zusammenarbeit zwischen Unternehmen. Heute werden weit mehr Informationen vom Supply Chain Management erwartet als Lieferscheine, Versandpapiere oder Termine.

Was Transparenz der Daten heute für die Informationslogistik bedeutet, demonstrierten im Juli 2013 die beiden Zeit-Redakteure Marcus Rohwetter und Urs Willmann. Sie unternahmen den Versuch, alle Informationen über eine Salamipizza der Firma Wagner zusammenzutragen, die über das Internet verfügbar waren. Ausgangspunkt war der auf die Pizza-Schachtel gedruckte Barcode. Die ungeheure Menge an Informationen, die mit einer Pizza verbunden ist, zeigt deutlich, vor welchen Herausforderungen die Informationslogistik heute steht. Zugleich wird klar, dass bereits all diese Daten entlang der Lieferkette zur Verfügung stehen. Die Autoren stellten fest: „Transparenz und Rückverfolgbarkeit sind möglich, dank moderner Informationstechnik bis in den letzten Winkel der Erde. Wer sagt, er wisse etwas nicht, der lügt, ist schlecht organisiert oder kriminell."

Um der Forderung nach Datentransparenz in geeigneter Weise nachzukommen bedarf es auch einer Rechtssicherheit auf Basis klarer, transparenter Regeln und länderübergreifende Lösungen. Die NSA-Spionageaffäre hat gezeigt, welche Auswirkungen eine Technologieabhängigkeit haben kann. Es kann durchaus als Bedrohungsszenario angesehen werden, dass alle mobilen Geräte eines deutschen TOP10-Logistikers aufgrund eines entsprechenden Hardware- oder Software-Bugs ausfallen würden. Zudem zeichnen Logistikanbieter nicht nur für den sicheren Transport physikalischer Güter, sondern auch für den sicheren Transport der zugehörigen Daten verantwortlich.

Die hohen Standards des deutschen Datenschutzgesetzes sollten als Wettbewerbsvorteil verstanden und genutzt werden. Zugleich dürfen sie nicht dazu führen, virtuelle Mauern aufzubauen, die global tätige Unternehmen isolieren könnten – allemal in den meist international tätigen Logistik unternehmen eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Rechts- und Datensicherheit (Security) als Voraussetzung für das Vertrauen aller Nutzer in eine zukünftige Informationslogistik ist genauso wichtig wie eine flächendeckende digitale Hochleistungs-Infrastruktur oder die begleitende Entwicklung von Normen und Standards als Voraussetzung für übergreifende Vernetzung und breite Akzeptanz.

Auch wenn die vollständige Standardisierung kompletter logistischer Prozessketten unrealistisch ist, helfen Software- und Datenstandards den Unternehmen, Prozesse transparenter und reibungsloser zu gestalten. Es ist weiterhin alternativlos, kontinuierlich an der Standardisierung und Normung zu arbeiten. Wer technischen Standards setzt, gewinnt im Wettbewerb.

Die deutsche Wirtschaft steht vor einer umwälzenden technischen Erneuerung der Produktion und Logistik und einem grundlegenden Wandel des industriellen Managements. Es wird entscheidend sein, die notwendigen Soft- und Hardware-Entwicklungen ebenso wie die Entwicklung von Algorithmen mit ihren grundlegenden Rechen- und Planungsmethoden und deren Logik sowie deren Anwendung in der Logistik voranzutreiben. Andernfalls wird die Spitzenposition, welche die deutsche Logistik im internationalen Kontext hat, verloren gehen.

„Die Verbindung zwischen IT und Logistik birgt das größte Potenzial für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland.“



(C) Michael ten Hompel  |  Dortmund, Germany